KI Regelwerk

EU AI Act Schulung für regionale Energieversorger: Kriterien für die Kurswahl

2026.09.20
Titelbild zur KI-Act-Schulung für regionale Energieversorger: Kriterien für die Kurswahl, KI-Führerschein und KRITIS-KI

Ein Webinar für 49 Euro sollte sämtliche KI-Compliance-Probleme eines regionalen Versorgers lösen, so stand es im Angebot, das dem IT-Leiter eines Stadtwerks vorlag. Zwei Stunden waren dafür veranschlagt, verkauft als „KI-Führerschein" für die ganze Belegschaft. Der IT-Leiter blätterte in seinem Ausdruck der KI-Verordnung und ahnte, dass das für die Energieversorger-Compliance nicht reichen würde. Seine Skepsis war berechtigt: Bei einer KI-Act-Schulung für KRITIS-KI im Netzbetrieb zählen drei Kriterien mehr als der Preis, der Bezug zu Ihren eigenen Systemen, ein rollenbasierter Aufbau und Nachweise, die in Ihre bestehenden Prozesse passen.

Regionale Energieversorger sind KRITIS-Betreiber. Wo KI den Netzbetrieb steuert, liegt die Einstufung als Hochrisiko-System nahe, ob sie zutrifft, muss für jedes System einzeln geprüft werden. In Gesprächen mit Geschäftsführern von Stadtwerken geht es deshalb nicht mehr um das „Ob", sondern um das „Wie". Die folgenden Abschnitte gehen die Auswahlkriterien der Reihe nach durch, jeweils mit Fragen, die Sie einem Anbieter direkt stellen können.

Warum ein Standardkurs im Netzbetrieb ins Leere läuft

Ein Kurs, der Marketing-Teams zeigt, wie man Bilder generiert, hilft einem Netztechniker nicht weiter, und dem Strategen im Lastmanagement erst recht nicht. Das Angebot am Markt reicht von oberflächlichen ChatGPT-Webinaren bis zu trockenen juristischen Vorlesungen, die am Arbeitsalltag eines Versorgers vorbeigehen. Dazwischen liegen die Konzernformate: Ein Stadtwerk, das ich begleite, hatte zuvor Webinare einer Unternehmensberatung gebucht, deren Beispiele auf DAX-Konzerne zugeschnitten waren. Von Gremien, Freigabewegen und Fachabteilungen war dort die Rede, die es im eigenen Haus schlicht nicht gab. Niemand konnte das Gehörte auf den eigenen Betrieb übertragen.

Versorger sind keine gewöhnlichen Unternehmen. Läuft im Netzbetrieb eine KI-gestützte Entscheidung falsch, geht es nicht um ein misslungenes Logo, sondern um Versorgungssicherheit. Deshalb braucht die Kurswahl Kriterien, die über das bloße Abhaken einer Unterweisungspflicht hinausgehen.

Tablet mit komplexen Netzdiagrammen und algorithmischen Datenpunkten — typisches Umfeld für Energieversorger-Compliance und KRITIS-KI

Anhang III und Art. 4: Was ein Kurs abdecken muss

Art. 4 KI-VO verpflichtet Anbieter und Betreiber von KI-Systemen, für ein angemessenes Maß an KI-Kompetenz beim Personal zu sorgen. Für Sie heißt das: Sie müssen belegen können, dass Ihre Mitarbeiter verstehen, wie die eingesetzten Systeme arbeiten und welche Risiken daran hängen. Was diese Pflicht im Einzelnen verlangt, behandelt ein eigener Beitrag auf dieser Seite; hier zählt nur, was daraus für die Kurswahl folgt.

Anhang III Nr. 2 nennt KI-Systeme, die als Sicherheitsbauteile im Betrieb kritischer Infrastruktur dienen, ausdrücklich auch bei der Stromversorgung. Meine Ausdrucke dieser Seite sind so oft mit Textmarker überfahren worden, dass die Linien inzwischen in ein blasses Orange gekippt sind. Und trotzdem gilt: Wo genau die Grenze zwischen einem Sicherheitsbauteil und bloßer Planungssoftware verläuft, formuliert die Verordnung so offen, dass selbst Berater darüber streiten. Ich zähle mich dazu. Ein seriöser Kurs zeigt deshalb Grenzfälle und tut nicht so, als gäbe es keine.

Daraus folgt für die Inhalte: Risikomanagementsystem, Daten-Governance und menschliche Aufsicht müssen im Kontext der Energiewirtschaft erklärt werden, nicht abstrakt. Ich bin kein Anwalt und kein Auditor, sehe aber bei jedem Mandanten dasselbe: Rechtliche Anforderungen werden erst dann umgesetzt, wenn jemand sie in die Sprache der Ingenieure übersetzt. Ein Kurs, der diese Begriffe nicht am Beispiel Ihrer Netzführung durchspielt, bleibt für Ihr Haus wertlos.

Wie tief soll welche Gruppe geschult werden?

Mein Rat weicht hier vom Markttrend ab: Statt breit gefächerter AI-Act-Pakete lege ich den Schwerpunkt auf die algorithmischen Lastmanagement-Systeme. Es bringt wenig, die Definition von General Purpose AI (GPAI) auswendig zu lernen, wenn das Team nicht versteht, warum ausgerechnet das prädiktive Wartungstool für Transformatoren in die Hochrisiko-Diskussion geraten kann. Beginnen Sie also bei dem, was Ihre Techniker täglich bedienen, und arbeiten Sie sich von dort zur allgemeinen Theorie vor.

Ein Sicherheitsbeauftragter fragte mich im Verwaltungsgebäude seines Hauses, ob wirklich alle 400 Mitarbeiter geschult werden müssten. Meine Antwort fiel differenziert aus: Die Verwaltung braucht ein Grundverständnis, die technische Abteilung einen Tiefgang in die Funktionsweise ihrer eigenen Algorithmen. Wie weit der Kreis der Betroffenen rechtlich genau reicht, klären Sie im Zweifel mit einem Fachanwalt für IT-Recht. In meinem Blogbeitrag über den KI-Führerschein für kommunale Betriebe habe ich bereits dargelegt, wie wichtig eine zielgruppengerechte Ansprache in der öffentlichen Versorgung ist.

Technisches Handbuch für Energieinfrastruktur neben einer Checkliste zur KI-Act-Schulung auf einem Smartphone

Vier Prüffragen für die KI-Act-Schulung beim Anbieter

Bevor Sie buchen, stellen Sie dem Anbieter vier Fragen. Erstens: Nimmt der Kurs Bezug auf die Hochrisiko-Szenarien aus Anhang III und übersetzt er sie in Ihren Netzbetrieb? Zweitens: Wird verständlich, wer im Ernstfall wofür geradesteht: der Hersteller einer Software, Sie als Betreiber, die Geschäftsführung? Drittens: Gibt es Praxisbeispiele aus der Energiewirtschaft, etwa zum Smart-Meter-Rollout oder zu Einspeiseprognosen? Viertens: Ist die Schulung rollenbasiert aufgebaut, sodass Netztechnik und Verwaltung nicht denselben Stoff vorgesetzt bekommen? Ein Kurs, der bei zwei dieser Fragen ins Ausweichen gerät, steht auf Ihrer Liste weiter unten.

Für das Vorgespräch oder die Probeeinheit eignet sich ein einfacher Test: Nennen Sie dem Referenten ein System aus Ihrem Haus, zum Beispiel die Einspeiseprognose, und bitten Sie ihn, die Einstufung mit Ihnen durchzusprechen. Weicht er auf allgemeine Beispiele wie Bildgeneratoren aus, ist der Kurs nicht für Ihre Technik gebaut. Fällt dagegen das Wort „Spielveränderer", ohne dass jemand die Haftungsfrage sauber erklärt, brechen Sie das Gespräch besser ab. Phrasen helfen Ihnen nicht weiter, wenn die Aufsichtsbehörde vor der Tür steht. Eine branchenunabhängige Einkaufs-Checkliste für Schulungsanbieter finden Sie in einem separaten Beitrag.

Schulungsnachweise für KRITIS-KI ins Qualitätsmanagement einbinden

Verlangen Sie vom Anbieter, dass die Dokumentation in Ihren bestehenden KRITIS-Prozess passt: Teilnehmerkreis, Inhalte und Rolle jedes Teilnehmers sollten sich in Ihrem Qualitätsmanagement wiederfinden, ohne dass jemand eine Parallelablage pflegen muss. Ein guter Kurs zeigt Ihnen außerdem, wie Sie rechtssichere Nachweise der KI-Schulung führen, die auch einer Prüfung standhalten.

Beginnen Sie mit Ihren Systemen, nicht mit dem Kurskatalog

Die sinnvolle Reihenfolge ist kurz. Zuerst erfassen Sie, welche KI-gestützten Systeme in Netzbetrieb, Lastmanagement und Wartung im Einsatz sind. Danach prüfen Sie für jedes System, ob es in die Hochrisiko-Kategorie fallen könnte; die Einordnung selbst hat einen eigenen Beitrag auf dieser Seite. Erst dann legen Sie fest, welche Rollen wie tief geschult werden, und erst zum Schluss vergleichen Sie Kurse anhand der vier Prüffragen. Wer die Reihenfolge umkehrt, kauft meist ein Paket und sucht danach die Systeme, die dazu passen.

Ob ein Kurs gewirkt hat, erkennen Sie an einem einfachen Kriterium: Kann Ihr Team die Klassifizierung der eigenen Systeme selbst tragen? Bei einem Geschäftsführer aus Hanau ließ sich das an einem einzigen Satz ablesen: die Risikoklassifizierung stehe, dafür brauche er keinen Externen mehr. Investieren Sie deshalb nicht in Hochglanz-Videos über die Zukunft der Menschheit, sondern in handfeste Unterweisungen zu Ihren Lastmanagement-Systemen und Netzsteuerungs-Algorithmen. Die Kurswahl berührt zudem Ihre Verantwortung als Geschäftsführer; die Haftungsfrage vertiefe ich in einem eigenen Beitrag, und im Einzelfall gehört sie zu einem Fachanwalt.

KI-Compliance ist kein einmaliges Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess der Kompetenzentwicklung. Bereiten Sie Ihre Schulungsnachweise deshalb so vor, dass sie nahtlos in Ihr Qualitätsmanagement passen, und planen Sie Auffrischungen ein, sobald neue Systeme hinzukommen, ohne sich in der Flut der Verordnungstexte zu verlieren.

Wichtig: Diese Webseite dient ausschließlich der Information und Unterhaltung. Ich bin kein Arzt, Finanzberater oder Anwalt. Holen Sie sich professionellen Rat, bevor Sie Entscheidungen zu Gesundheit oder Finanzen treffen.