KI Regelwerk

KI-Führerschein für Architektur- und Planungsbüros: Compliance im Bauwesen

2026.08.02
KI-Führerschein für Architektur- und Planungsbüros: Anhang-III-Liste und Statikplan auf dem Besprechungstisch

Der Planungsleiter dreht den Ausdruck der Anhang-III-Liste um neunzig Grad, tippt mit dem Kugelschreiber auf die Zeile "Sicherheitskomponenten von Bauwerken" und fragt, ob das auch für die Statik-Software gilt, die sein Team seit Monaten für Vorentwürfe nutzt. Genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob ein Architektur- oder Planungsbüro die KI-Verordnung ernst nimmt oder ein teures Bußgeldrisiko läuft. AI-Act-Compliance ist im Bauwesen kein abstraktes Rechtsthema mehr, sondern eine Frage, die in jedem Projektbesprechungsraum auftaucht, sobald generative Tools Fassaden entwerfen oder Grundrisse optimieren. Ein KI-Führerschein für Architektur- und Planungsbüros muss deshalb mehr leisten als ein Nachweis über Prompting-Grundlagen. Er muss die Haftung im Bauwesen konkret adressieren.

Artikel 4 macht KI-Kompetenz zur Pflicht, nicht zur Kür

Viele Büros nutzen KI längst für Renderings oder zur Optimierung von Grundrissen, doch der Rechtsrahmen wandelt sich schneller, als die tägliche Praxis mithält. Die KI-Kompetenz nach Artikel 4 ist keine freiwillige Fortbildung, sondern eine gesetzliche Pflicht: Wer als Büroinhaber Systeme einsetzt, die auf statische Berechnungen oder Brandschutzkonzepte einwirken, muss nachweisen können, dass die Mitarbeitenden die Ergebnisse kritisch prüfen, nicht nur bedienen.

Ein KI-Führerschein, der diesen Namen verdient, besteht nicht aus zufälligen Online-Tutorials zum besseren Prompting, sondern aus einem Plan, der Dokumentationspflichten und menschliche Aufsicht in den Mittelpunkt stellt. Planungsbüros sind dabei in aller Regel Betreiber der eingesetzten Systeme und keine Hersteller, eine Rollenverteilung, die ich an anderer Stelle ausführlicher einordne — für den Alltag im Büro reicht zunächst die Erkenntnis, dass ein bloßes Häkchen bei der Software-Einweisung längst nicht mehr genügt. Wie streng die gesetzliche Unterweisung im Detail ausfallen muss, habe ich in meinem Check der gesetzlichen Unterweisungspflichten für den KI-Führerschein zusammengefasst.

Tablet mit KI-generiertem Fassadenentwurf neben Statikunterlagen im Architekturbüro – AI-Act-Compliance in der Ausführungsplanung

HOAI-Phasen entscheiden, wie riskant Ihr KI-Einsatz wirklich ist

Die HOAI Leistungsphasen liefern dafür die praktikabelste Faustregel, die ich Mandanten mitgebe. Die Honorarordnung gliedert Planung und Objektüberwachung in neun Phasen, und in der Vorplanung oder der Genehmigungsplanung dürfen KI-Tools relativ frei Varianten durchspielen, weil es dort um Gestaltung geht, nicht um belastbare Ausführungsdaten. Sobald ein Projekt die Ausführungsplanung erreicht, ändert sich die Lage grundlegend: Jede Zahl, die aus einem KI-Tool stammt, braucht die Prüfung durch jemanden, der die Grenzen des Systems kennt.

Ob ein Werkzeug dabei tatsächlich unter Artikel 6 als Hochrisiko-KI-System fällt, hängt von Kriterien ab, die ich in einem eigenen Beitrag zur Risikoklassifizierung ausführlich durchgehe. Für die Praxis im Planungsbüro reicht als erste Prüffrage: Wirkt sich der KI-Output auf ein sicherheitsrelevantes Bauteil aus — Standsicherheit, Fluchtwege, Brandschutzkonzept —, sollte der Hochrisiko-Bezug geklärt sein, bevor das Ergebnis in die Ausführungsplanung übernommen wird. Selbst mir bereitet die Formulierung "Sicherheitskomponente" in Artikel 6 gelegentlich Kopfzerbrechen, weil die deutsche Übersetzung enger gefasst wirkt als der englische Begriff "safety component" — im Bauwesen kann dieser Unterschied darüber entscheiden, ob ein Statik-Plugin überhaupt in den Anwendungsbereich fällt. Bei genau solchen Fragen zeigt der zweite Monitor in meinem Büro links die deutsche und rechts die englische Fassung nebeneinander, weil sich Nuancen sonst zu leicht verlieren.

KI raus aus der Blackbox: BIM-Daten lückenlos dokumentieren

Die Einbindung von KI-Werkzeugen muss außerdem mit der DIN EN ISO 19650 harmonieren, die das Building Information Modeling strukturiert. KI-Prozesse dürfen im gemeinsamen Datenraum keine isolierten Inseln bleiben — jeder Planungsschritt, der mit KI-Unterstützung entstanden ist, sollte im Common Data Environment nachvollziehbar markiert sein, damit spätere Prüfungen nicht bei null anfangen.

Genau diese Nachvollziehbarkeit ist der Punkt, der sich in meinen Schulungen inzwischen am deutlichsten zeigt. Die Fragen der Mitarbeitenden drehen sich seltener um die Grundfunktionen der eingesetzten Tools und häufiger darum, welche Nachweise nach Artikel 16 im Projektordner liegen müssen, falls das Bauamt oder ein Auditor nachfragt — ein Thema, dem ich in einem separaten Beitrag zu den Dokumentationspflichten mehr Raum gebe.

Ausschnitt der KI-Verordnung mit Artikel 4 zur KI-Kompetenz – Grundlage für Haftung im Bauwesen

Die Haftung bei KI-Fehlern

Die Haftung für KI-Fehler trägt das Architekturbüro selbst, ein Grundsatz, der eng mit der Geschäftsführerhaftung zusammenhängt und den ich an anderer Stelle ausführlicher behandle. Für die Planungspraxis reicht die kurze Fassung: Wenn eine KI einen Fehler in der Mengenermittlung macht und ein Projekt dadurch spürbar teurer wird, schützt der Verweis auf "die Software hat halluziniert" vor der zivilrechtlichen Haftung nicht. Reinhard, ein ehemaliger Kollege, der heute in einem technischen Normungsgremium sitzt, vergleicht das gern mit einer Werksabnahme im Maschinenbau. Er hat mir das zuletzt am Telefon erklärt, während ich mir in der Kleinmarkthalle einen Kaffee geholt habe: Auch dort haftet, wer die Abnahme unterschreibt, nicht die Maschine, die den Fehler produziert hat.

Ein solides Wissen über diese Rahmenbedingungen gehört auf die Ebene der Geschäftsführung und nicht nur in die IT-Abteilung — ein KI-Führerschein für den Mittelstand schließt die Führungsebene deshalb immer mit ein. Viele große eLearning-Plattformen, die bunte Kurse über kreative Prompts verkaufen, blenden die berufsrechtlichen Pflichten der Architektenkammern komplett aus — ein Planungsbüro, das ich beraten habe, hatte genau solche Standardmodule eines großen Anbieters eingekauft, ohne dass ein einziges Beispiel aus der Baubranche oder auch nur der Begriff HOAI vorkam, und die Mitarbeitenden saßen die Videos ab, ohne dass ein Bezug zur eigenen Arbeit entstand. Ob externe Berater oder ein internes Compliance-Team die Feinheiten am Ende besser einordnen, hängt stark davon ab, wie viel Kapazität im Haus überhaupt vorhanden ist — ein Punkt, den ich in einem separaten Vergleich zwischen internem und externem Wissen aufgreife.

Ein KI-Führerschein-Curriculum für die Planungsbranche

Sinnvolle Curricula für die Planungsbranche beginnen nicht mit allgemeinen Prompting-Übungen, sondern mit der HOAI-Phasenlogik von oben und der Frage, welche Nachweise am Ende jeder Phase im Projektordner liegen müssen. Ob dafür eher ein kompakter Präsenz-Workshop oder ein internes eLearning-Format passt, hängt stark von der Bürogröße ab. Wo ein Betriebsrat existiert, gehört er von Anfang an in die Auswahl der Schulung. Und weil Planungsleistungen häufig an Fachplaner oder Subunternehmer weitergereicht werden, sollte im Curriculum auch die Frage auftauchen, wie sich Compliance-Pflichten entlang dieser Kette verschieben, wenn ein Statik-Tool eines externen Fachplaners in Ihr eigenes Projekt einfließt.

Ein branchenspezifischer KI-Führerschein schützt nicht nur vor Bußgeldern, sondern genau vor der Situation, die den Planungsleiter mit der Anhang-III-Liste am Tisch überhaupt erst beschäftigt hat: eine Frage zur Statik-Software, auf die niemand im Büro eine belastbare Antwort parat hatte. Wer die Schulung an den eigenen HOAI-Phasen ausrichtet statt an einem generischen Kurskatalog, bekommt etwas, das Mitarbeitende im Projektalltag tatsächlich anwenden.

Wichtig: Diese Webseite dient ausschließlich der Information und Unterhaltung. Ich bin kein Arzt, Finanzberater oder Anwalt. Holen Sie sich professionellen Rat, bevor Sie Entscheidungen zu Gesundheit oder Finanzen treffen.